„Ein Auftrag?“, fragte ich kritisch. „Wie stellst Du Dir das vor? Ich kann jetzt unmöglich weg aus Berlin. Was ist mit Boris? Und außerdem…“, ich stockte, weil ich es in diesem Moment nicht für angebracht hielt, Marcel von meiner geheimnisvollen Begegnung mit der jungen Frau zu erzählen. Marcel nutzte augenblicklich meine Gedankenpause und entgegnete: „Lass mich doch erstmal ausreden.“ Er sagte diese Worte für mich überraschend sachlich und ruhig, allerdings mit einem Schmunzeln im Gesicht, dass mich nichts Gutes ahnen ließ.
„Du sollst natürlich in Berlin bleiben“, führte Marcel fort. „Überhaupt kein Problem.“ Er steckte sich eine Zigarette an und hielt mir sein Päckchen fragend entgegen. Ich schüttelte den Kopf. Mir war gerade nicht danach. „Ein Auftrag in Berlin“, überlegte ich. Das Geld könnte ich natürlich schon gebrauchen. Das Hotel war zwar nicht das teuerste, aber wenn ich noch eine Weile in der Stadt bleiben und mich auf die Suche nach der Frau und den Gründen nach Boris’ Tod begeben sollte, wäre der ein oder andere Euro schon ganz hilfreich. Auf der anderen Seite musste ich auch erstmal selbst wieder klar kommen, nachdem was gestern und heute geschehen war.
„Wie viel?“, fragte ich schließlich mit ganz leicht zugekniffenen Augen. Marcel grinste. Ich rührte mich nicht. „5 000 Euro, plus Späßen“, erwiderte Marcel trocken. Meine Augenbrauen schnellten in die Höhe. 5 000 Euro? „Für ein paar Fotos?“ – „Naja, nicht ganz“, druckste Marcel auf einmal herum und bewegte dabei seinen Kopf verlegen hin und her. „Ich brauch Fotos, aber ich würde Dich auch bitten, ein bisschen Deine Ohren offen zu halten.“ - „Worum geht es denn?“, fragte ich. Ich war neugierig geworden, nicht wegen des Geldes – ja auch, aber nicht nur deswegen. Ich beugte mich über den Schreibtisch, nahm das Päckchen Zigaretten und blickte kurz zu Marcel auf. Er nickte. Also fingerte ich eine Zigarette aus der aufgerissen Packung heraus und noch bevor ich mich wieder in meinen Stuhl zurückfallen ließ, gab mir Marcel Feuer. Jetzt war ich aber gespannt. Marcels Augen funkelten.
„Hör zu“, fing er an. „Mir ist zufällig zu Ohren gekommen“ – er betonte das Wort „zufällig“ und gestikulierte dabei seltsam mit den Händen - „Mir ist zu Ohren gekommen, dass der englische Premier in zwei Tagen nach Deutschland kommt. Es ist ein Treffen mit der deutschen Übergangsregierung in Berlin anberaumt. Ich vermute“, sagte er in aufreizend langgezogenem Wortlaut, „dass es dabei unter anderem auch um die Ereignisse in London geht.“ Daher wehte also der Wind. Das hätte ich mir auch denken können. „Ich nehme mal stark an, dass unsere lieben Politiker ein offenes Ohr dafür haben werden, wie die verfluchten Tommys mit den Demonstranten dort umgegangen sind.“ Marcel machte eine kurze Pause, beugte sich ein wenig aus seinem überdimensionierten Sessel vor und schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Verstehst Du was das bedeutet?“
„Die Alten holen sich Hilfe“, sagte ich ohne eine Spur von Emotionen. „Genau.“ Zufrieden ließ sich Marcel wieder zurückfallen. „Die Übergangsregierung verhandelt mit den faschistoiden Engländern über einen Militärschlag. Dazu haben die gar nicht das Recht“, schrie er empört auf, beruhigte sich aber augenblicklich wieder, als ich ihn mit einer Frage konfrontierte, mit der er – zu meiner Verwunderung – allem Anschein nach nicht gerechnet hatte: „Und was soll ich da jetzt machen?“ Marcel blickte mich verdutzt an, fing sich aber schnell wieder. „Ich brauch da jemanden vor Ort, verstehst Du?“
Ich tat es nicht und folgerichtig schüttelte ich langsam meinen Kopf. „Du bist doch in diesen Kreisen ein relativ unbeschriebenes Blatt. Nimm es nicht persönlich“, sagte er entschuldigend und machte dabei einen Gesicht, wie Eltern, wenn sie ihren Kindern sagen: Werdet ihr erstmal erwachsen! „Was ich Dir damit sagen will“, fügte er hinzu „ist: Dein Lebenslauf dürfte nicht allzu viel Aufsehen bei den älteren Herrschaften wecken. Ja gut, hier und da mal ein paar Fotos für mein Magazin. Trotzdem glaube ich, dass ich es hinkriegen kann, dich für den öffentlichen Teil des Regierungstreffens akkreditieren zu lassen. Du machst ein paar schöne Fotos, hörst Dich ein bisschen um und verschwindest dann wieder. Wie klingt das?“
Ganz ehrlich? Die Sache klang nicht gerade koscher, denn ich konnte mir vorstellen, worauf es hinaus lief. Marcel plante die ganz große Story. Was auch immer in London geschehen war, es sollte der Eindruck vermittelt werden, dass die deutsche Übergangsregierung nun zum großen Wurf gegen die Neuen ausholte und sich dafür die nötige Unterstützung von den Briten einholte, die wiederum – glaubte man Marcel – mit den Demonstranten bereits kurzen Prozess gemacht hatten. Letztendlich ging es Marcel darum, Emotionen zu schüren, neue Leute zu mobilisieren und den Krieg damit weiter anzuheizen. Jede noch so kleine Aktion konnte der Aufhänger für weitere, heftigere Ausschreitungen sein. Denn eines war klar: Eine Regierung, die mit einem Staat verhandelt, der gerade erst einen Aufstand blutig niedergeschlagen hat, machte sich bei den Neuen keine Freunde.
„Du weißt, dass Du mich damit verbrennst?“, sagte ich schließlich. „Nicht unbedingt“, konterte er wie aus der Pistole geschossen, als hätte er gewusst, dass ich diese Frage irgendwann stellen würde und ergänzte: „Du kennst doch diesen Schmierfinken, diesen – wie heißt er?“ – „Du meinst Eisner?“ - „Genau den.“ Johannes Eisner arbeitete für „Faktum“, einer Zeitung, die ganz offensichtlich auf Seiten der Alten stand. Und ähnlich wie Marcel war Eisner in seinen Kreisen ein bunter Hund. Er kannte alles und jeden und war tief in die Seilschaften der Alten verstrickt. „Biete ihm doch auch Deine Fotos an. Er wird sie sicher dankend annehmen und seine Geschichte daraus bauen. Wir überlegen uns noch einen schönen Künstlernamen für Dich und Du bist dann aus dem Schneider.“ Marcel ließ mir etwas Zeit zum Nachdenken. Selbstgefällig saß er in seinem Sessel, beide Ellenbogen auf die Armlehnen gestützt und die Hände zusammengefaltet. „Mensch Florian, Du bist frei!“ Er lachte. Ich weiß nicht warum, aber auch ich konnte mir in diesem Moment ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Hör zu, Marcel!“ Ich beugte mich vor und stützte meine Hände auf die Oberschenkel. „Ich ruf Dich heute noch an und sag Dir Bescheid, ob ich es mache oder nicht. Jetzt muss ich erstmal los. Ich habe noch etwas zu erledigen.“ Und schon war ich aufgestanden. „Überleg nicht zu lange, Florian!“, rief er mir aus seinem Sessel hinterher, als ich gerade dabei war, den Fahrstuhl zu betreten. Ich drückte den Knopf für das Erdgeschoss, drehte mich um, so dass ich mit dem Gesicht zu Marcel und seinem Schreibtisch stand. Ich hob meine linke Hand zum Zeichen des Abschiedes. Die Fahrstuhltür ging zu und in Windeseile war ich wieder in dem riesengroßen Foyer angelangt. Die Frau mit langen schwarzen Haaren stand noch immer beschäftigt und konzentriert nach unten schauend an ihrem Pult. Ich rief „tschüss“, erhielt aber keine Reaktion. Unbeirrt lief ich aus dem Verlagshaus hinaus an die frische Luft, wo ich erstmal tief durchatmete.
Es war spät geworden. Die Sonne stand schon relativ tief und tauchte die Stadt in ein malerisch warmes Licht. Ich beschloss wieder zu Fuß zu gehen, aber nicht direkt ins Hotel. Ich wollte erst noch etwas Essen. „5 000 Euro, plus Späßen“, dachte ich amüsiert. „Ich schreibe es mit auf die Rechnung.“ Auf meinem Spaziergang kamen mir auf einmal zwei junge Mädchen entgegen, 13, vielleicht 14 Jahre alt. Zufällig schnappte ich ihr Gespräch auf. „Weißt du“, sagte eine von ihnen zur anderen, „wenn ich so mache“, sie breitete ihre Arme weit aus, „und mich ganz schnell drehe, weißt du“, sie hielt kurz inne, „dann fühle ich mich frei.“ Ich war perplex und blieb stehen. Die beiden waren schon an mir vorbeigelaufen. Ich drehte mich um. Sie unterhielten sich immer noch, aber ich verstand nicht mehr, was sie sagten. Ich stand eine Weile reglos da, bis ich die Augen schloss und meine Arme ausbreitete. Dann begann ich mich um meine eigene Achse zu drehen. Erst verhalten und langsam, dann aber immer schneller. Nichts. Da war nichts. Keine Freiheit. Nichts. Enttäuscht blieb ich wieder ruhig stehen und öffnete die Augen. Nein – keine Spur von Freiheit, stattdessen war mir schwindelig.