Erstes Buch. Zehntes Kapitel. Couverture

Vollgegessen und leicht angetrunken lies ich mich in den Stuhl zurückfallen. Die zwei Gläser Rotwein hatten es in sich, wie ich jetzt feststellte. Ich wollte mir gerade eine Zigarette drehen, bis ich mich daran erinnerte, dass das Rauchen hier verboten war. Also legte ich mein Tabakzeug wieder auf den Tisch, nachdem ich es aus meiner Tasche gekramt hatte. Die Trägheit siegte über die Sucht – vorläufig.

Ich war bei einem Italiener im Prenzlauer Berg gelandet. Eigentlich lag die Gaststätte gar nicht auf dem Weg zum Hotel. Doch ich entschied, meinen Ausflug noch etwas auszudehen, nachdem ich mich an das Restaurant erinnerte, wo ich mich schon ein paar mal mit einer guten Freundin zum Essen verabredet hatte, wenn ich in der Stadt war. Sie war gebürtige Berlinerin, einer der wenigen, die ich kannte. Ich hatte sogar überlegt, sie anzurufen und zu fragen, ob sie Zeit hat. Doch nach einer kurzen Kosten-Nutzen-Rechnung entschied ich mich gegen jedwede Form von Gesellschaft. Jetzt bereute ich es.

Ich fühlte mich müde, erschöpft und allein. Ich starrte aus dem Fenster, den hastig vorbei eilenden Menschen nach. Zweifel stiegen in mir auf: Wozu das alles? Wieso sollte ich die Marionette für Marcel spielen? Finde das Ende der Geschichte, hörte ich eine leise und zerbrechliche Stimme in mir sagen. Mir lief es plötzlich kalt den Rücken runter.

Die Sucht obsiegte, redete ich mir ein; zahlte und verschwand. Es war kalt geworden. Sobald die Sonne in diesen Tagen nicht mehr schien, kühlte es gewaltig ab. Doch darauf war ich nicht vorbereitet gewesen. Es war eine sternenklare Nacht, auch wenn die Sterne nur schwach schimmerten. Hier und da sah ich einen. Boris erzählte mir immer von sternenklaren Nächten. Doch seine Stimme wurde leiser. Das beunruhigte mich.

Ich bemerkte auf ein Mal, wie ruhig es um mich herum war. Und wie wenig ich die Stille vertrug. Krampfhaft versuchte ich mich zu erinnern, wie ich Boris eigentlich kennen gelernt hatte. Fast stand: Es war eine sternenklare Nacht. Ich weiß nicht wo und ich weiß nicht mehr wann es war. Es ist schon lange her. Bestimmt über zehn Jahre. Zufälle; sie geschehen; und so geschah es auch jetzt.

Kurze Zeit später kam ich im Hotel an. Mir war fürchterlich kalt. Ich fror am ganzen Körper. Hätte ich mich doch bloß ein bisschen wärmer angezogen. Über eine dreiviertel Stunde war ich unterwegs gewesen – vom Restaurant bis ins Hotel. Als ich ins Foyer eintrat, war mir nicht klar, wieso ich überhaupt diesen Weg zu Fuß zurück ging, doch auch dieser Gedanke war plötzlich wie verflogen, als eine zarte, aber dennoch bestimmte Stimme sagte: “Herr Feisthammel, ich habe hier ein Telegramm für Sie!”

Zunächst fühlte ich mich gar nicht erst angesprochen. Es war, als halten die Worte durch mich durch wie durch eine geisterhafte Gestalt. Doch schließlich durchdrangen sie mich. “Ein Telegramm?” Ich wurde hellhörig. Meine Müdigkeit, meine Schläfrigkeit, meine Nichtanwesenheit löste sich von mir wie ein Schatten, der in den Schatten tritt. Und plötzlich sah ich mich einer jungen, schüchternen Frau entgegen. “Ich habe ein Telegramm für Sie”, wiederholte sie. “Von wem ist es?”, fragte ich.

Doch das junge Ding antwortete mir nicht, sondern hielt mir stattdessen einen verschlossenen, völlig blanken Briefumschlag vor die Nase. O.K., dachte ich mir und griff danach. “Danke”, sagte ich – darum bemüht möglichst höflich zu klingen.

Nachdem ich den Brief an mich genommen hatte, lief in Richtung Fahrstuhl. Dort angekommen, riss ich ungeduldig das Couvert auf. Ich entfaltete hastig einen Zettel. In dem Moment öffnete sich die Fahrstuhltür…

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Erstes Buch. Neuntes Kapitel. Frei

„Ein Auftrag?“, fragte ich kritisch. „Wie stellst Du Dir das vor? Ich kann jetzt unmöglich weg aus Berlin. Was ist mit Boris? Und außerdem…“, ich stockte, weil ich es in diesem Moment nicht für angebracht hielt, Marcel von meiner geheimnisvollen Begegnung mit der jungen Frau zu erzählen. Marcel nutzte augenblicklich meine Gedankenpause und entgegnete: „Lass mich doch erstmal ausreden.“ Er sagte diese Worte für mich überraschend sachlich und ruhig, allerdings mit einem Schmunzeln im Gesicht, dass mich nichts Gutes ahnen ließ.

„Du sollst natürlich in Berlin bleiben“, führte Marcel fort. „Überhaupt kein Problem.“ Er steckte sich eine Zigarette an und hielt mir sein Päckchen fragend entgegen. Ich schüttelte den Kopf. Mir war gerade nicht danach. „Ein Auftrag in Berlin“, überlegte ich. Das Geld könnte ich natürlich schon gebrauchen. Das Hotel war zwar nicht das teuerste, aber wenn ich noch eine Weile in der Stadt bleiben und mich auf die Suche nach der Frau und den Gründen nach Boris’ Tod begeben sollte, wäre der ein oder andere Euro schon ganz hilfreich. Auf der anderen Seite musste ich auch erstmal selbst wieder klar kommen, nachdem was gestern und heute geschehen war.

„Wie viel?“, fragte ich schließlich mit ganz leicht zugekniffenen Augen. Marcel grinste. Ich rührte mich nicht. „5 000 Euro, plus Späßen“, erwiderte Marcel trocken. Meine Augenbrauen schnellten in die Höhe. 5 000 Euro? „Für ein paar Fotos?“ – „Naja, nicht ganz“, druckste Marcel auf einmal herum und bewegte dabei seinen Kopf verlegen hin und her. „Ich brauch Fotos, aber ich würde Dich auch bitten, ein bisschen Deine Ohren offen zu halten.“ - „Worum geht es denn?“, fragte ich. Ich war neugierig geworden, nicht wegen des Geldes – ja auch, aber nicht nur deswegen. Ich beugte mich über den Schreibtisch, nahm das Päckchen Zigaretten und blickte kurz zu Marcel auf. Er nickte. Also fingerte ich eine Zigarette aus der aufgerissen Packung heraus und noch bevor ich mich wieder in meinen Stuhl zurückfallen ließ, gab mir Marcel Feuer. Jetzt war ich aber gespannt. Marcels Augen funkelten.

„Hör zu“, fing er an. „Mir ist zufällig zu Ohren gekommen“ – er betonte das Wort „zufällig“ und gestikulierte dabei seltsam mit den Händen - „Mir ist zu Ohren gekommen, dass der englische Premier in zwei Tagen nach Deutschland kommt. Es ist ein Treffen mit der deutschen Übergangsregierung in Berlin anberaumt. Ich vermute“, sagte er in aufreizend langgezogenem Wortlaut, „dass es dabei unter anderem auch um die Ereignisse in London geht.“ Daher wehte also der Wind. Das hätte ich mir auch denken können. „Ich nehme mal stark an, dass unsere lieben Politiker ein offenes Ohr dafür haben werden, wie die verfluchten Tommys mit den Demonstranten dort umgegangen sind.“ Marcel machte eine kurze Pause, beugte sich ein wenig aus seinem überdimensionierten Sessel vor und schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Verstehst Du was das bedeutet?“

„Die Alten holen sich Hilfe“, sagte ich ohne eine Spur von Emotionen. „Genau.“ Zufrieden ließ sich Marcel wieder zurückfallen. „Die Übergangsregierung verhandelt mit den faschistoiden Engländern über einen Militärschlag. Dazu haben die gar nicht das Recht“, schrie er empört auf, beruhigte sich aber augenblicklich wieder, als ich ihn mit einer Frage konfrontierte, mit der er – zu meiner Verwunderung – allem Anschein nach nicht gerechnet hatte: „Und was soll ich da jetzt machen?“ Marcel blickte mich verdutzt an, fing sich aber schnell wieder. „Ich brauch da jemanden vor Ort, verstehst Du?“

Ich tat es nicht und folgerichtig schüttelte ich langsam meinen Kopf. „Du bist doch in diesen Kreisen ein relativ unbeschriebenes Blatt. Nimm es nicht persönlich“, sagte er entschuldigend und machte dabei einen Gesicht, wie Eltern, wenn sie ihren Kindern sagen: Werdet ihr erstmal erwachsen! „Was ich Dir damit sagen will“, fügte er hinzu „ist: Dein Lebenslauf dürfte nicht allzu viel Aufsehen bei den älteren Herrschaften wecken. Ja gut, hier und da mal ein paar Fotos für mein Magazin. Trotzdem glaube ich, dass ich es hinkriegen kann, dich für den öffentlichen Teil des Regierungstreffens akkreditieren zu lassen. Du machst ein paar schöne Fotos, hörst Dich ein bisschen um und verschwindest dann wieder. Wie klingt das?“

Ganz ehrlich? Die Sache klang nicht gerade koscher, denn ich konnte mir vorstellen, worauf es hinaus lief. Marcel plante die ganz große Story. Was auch immer in London geschehen war, es sollte der Eindruck vermittelt werden, dass die deutsche Übergangsregierung nun zum großen Wurf gegen die Neuen ausholte und sich dafür die nötige Unterstützung von den Briten einholte, die wiederum – glaubte man Marcel – mit den Demonstranten bereits kurzen Prozess gemacht hatten. Letztendlich ging es Marcel darum, Emotionen zu schüren, neue Leute zu mobilisieren und den Krieg damit weiter anzuheizen. Jede noch so kleine Aktion konnte der Aufhänger für weitere, heftigere Ausschreitungen sein. Denn eines war klar: Eine Regierung, die mit einem Staat verhandelt, der gerade erst einen Aufstand blutig niedergeschlagen hat, machte sich bei den Neuen keine Freunde.

„Du weißt, dass Du mich damit verbrennst?“, sagte ich schließlich. „Nicht unbedingt“, konterte er wie aus der Pistole geschossen, als hätte er gewusst, dass ich diese Frage irgendwann stellen würde und ergänzte: „Du kennst doch diesen Schmierfinken, diesen – wie heißt er?“ – „Du meinst Eisner?“ - „Genau den.“ Johannes Eisner arbeitete für „Faktum“, einer Zeitung, die ganz offensichtlich auf Seiten der Alten stand. Und ähnlich wie Marcel war Eisner in seinen Kreisen ein bunter Hund. Er kannte alles und jeden und war tief in die Seilschaften der Alten verstrickt. „Biete ihm doch auch Deine Fotos an. Er wird sie sicher dankend annehmen und seine Geschichte daraus bauen. Wir überlegen uns noch einen schönen Künstlernamen für Dich und Du bist dann aus dem Schneider.“ Marcel ließ mir etwas Zeit zum Nachdenken. Selbstgefällig saß er in seinem Sessel, beide Ellenbogen auf die Armlehnen gestützt und die Hände zusammengefaltet. „Mensch Florian, Du bist frei!“ Er lachte. Ich weiß nicht warum, aber auch ich konnte mir in diesem Moment ein Schmunzeln nicht verkneifen.

„Hör zu, Marcel!“ Ich beugte mich vor und stützte meine Hände auf die Oberschenkel. „Ich ruf Dich heute noch an und sag Dir Bescheid, ob ich es mache oder nicht. Jetzt muss ich erstmal los. Ich habe noch etwas zu erledigen.“ Und schon war ich aufgestanden. „Überleg nicht zu lange, Florian!“, rief er mir aus seinem Sessel hinterher, als ich gerade dabei war, den Fahrstuhl zu betreten. Ich drückte den Knopf für das Erdgeschoss, drehte mich um, so dass ich mit dem Gesicht zu Marcel und seinem Schreibtisch stand. Ich hob meine linke Hand zum Zeichen des Abschiedes. Die Fahrstuhltür ging zu und in Windeseile war ich wieder in dem riesengroßen Foyer angelangt. Die Frau mit langen schwarzen Haaren stand noch immer beschäftigt und konzentriert nach unten schauend an ihrem Pult. Ich rief „tschüss“, erhielt aber keine Reaktion. Unbeirrt lief ich aus dem Verlagshaus hinaus an die frische Luft, wo ich erstmal tief durchatmete.

Es war spät geworden. Die Sonne stand schon relativ tief und tauchte die Stadt in ein malerisch warmes Licht. Ich beschloss wieder zu Fuß zu gehen, aber nicht direkt ins Hotel. Ich wollte erst noch etwas Essen. „5 000 Euro, plus Späßen“, dachte ich amüsiert. „Ich schreibe es mit auf die Rechnung.“ Auf meinem Spaziergang kamen mir auf einmal zwei junge Mädchen entgegen, 13, vielleicht 14 Jahre alt. Zufällig schnappte ich ihr Gespräch auf. „Weißt du“, sagte eine von ihnen zur anderen, „wenn ich so mache“, sie breitete ihre Arme weit aus, „und mich ganz schnell drehe, weißt du“, sie hielt kurz inne, „dann fühle ich mich frei.“ Ich war perplex und blieb stehen. Die beiden waren schon an mir vorbeigelaufen. Ich drehte mich um. Sie unterhielten sich immer noch, aber ich verstand nicht mehr, was sie sagten. Ich stand eine Weile reglos da, bis ich die Augen schloss und meine Arme ausbreitete. Dann begann ich mich um meine eigene Achse zu drehen. Erst verhalten und langsam, dann aber immer schneller. Nichts. Da war nichts. Keine Freiheit. Nichts. Enttäuscht blieb ich wieder ruhig stehen und öffnete die Augen. Nein – keine Spur von Freiheit, stattdessen war mir schwindelig.

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Erstes Buch. Achtes Kapitel. Asche

Einen Wimpernschlag später hörte ich wieder dieses klare „ding“ und die Fahrstuhltür öffnete sich vor mir. „Das ging aber schnell“, dachte ich und spähte direkt in ein riesengroßes Büro, in dessen Mitte ein wuchtiger Schreibtisch stand. Davor registrierte ich zwei furchtbar unbequem aussehende Designerstühle, dahinter ein großer, lederner Sessel – ein richtiger Chefsessel eben -, in dem ich Marcel erkannte. Wohin ich auch blickte, die Wände des Büros waren komplett verglast. „Das absolute Gegenteil von der Empfangshalle“, ging es mir durch den Kopf. Marcel sah nicht ganz so gut aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Sein glattes braunes Haar wirkte etwas fettig, seine Stirn glänzte. Eine Strähne war darüber gefallen, die er noch eben zu bändigen versuchte, als er zu mir aufsah.

„Florian, da bist Du ja.“ Marcel stand hastig von seinem Stuhl auf und lief um den großen Schreibtisch auf mich zu. „Lass Dich ansehen!“ Er blieb kurz stehen und musterte mich. Er sah etwas fahl im Gesicht aus. Sein weißes Hemd war aber wie immer geschniegelt und gestriegelt. „Es ist das erste Mal, dass Du mich hier besuchen kommst. Was verschafft mir die Ehre?“, rief er mir überaus förmlich zu. Er hatte Recht. Ich war wirklich das erste Mal hier. Üblicherweise hatten wir uns sonst immer in irgendeinem Restaurant verabredet. „Schön hast Du es hier“, sagte ich immer noch etwas entgeistert von meiner Begegnung mit der seltsamen jungen Dame am Empfang, denn eigentlich gefiel mir das Büro nicht wirklich. Dann stand Marcel mit ausgebreiteten Armen auf einmal vor mir. „Schön Dich zu sehen“, sagte er überraschend leise und drückte mich.

„Komm, setz Dich“, sagte er und führte mich zu seinem Tisch. „Geht’s Dir denn gut?“, fragte er beiläufig im Gehen. Als er sich schließlich aufreizend in seinen Sessel fläzte und in einer Schublade rumkramte, begutachtete ich noch einen kurzen Augenblick einen dieser ungemein unbequem aussehenden Stühle, bevor ich mich dann doch überwand und vorsichtig darauf Platz nahm. Erstaunt stellte ich fest, dass es sich auf dem Stuhl doch nicht so schlecht saß. „Willst Du eine?“ Marcel hielt mir ein aufgerissenes Päckchen Zigaretten vor die Nase. „Ah, die guten P&S. Da sag ich nicht nein“, antwortete ich und nahm mir einen Glimmstängel aus der Packung. Kaum hatte ich ihn im Mund, fuchtelte Marcel auch schon mit einem Feuerzeug vor mir herum. „Danke“, sagte ich, nachdem ich bereits einen kräftigen Zug genommen hatte und daraufhin den Rauch wieder ausstieß. Auch Marcel zündete sich eine Zigarette an und platzierte einen Aschenbecher, der irgendwo am Rand gestanden hatte, mitten auf dem Schreibtisch.

„Dir geht’s also gut?“, fragte mich Marcel, der auf einmal eine ernste Mine aufgesetzt hatte. „Hast den Anschlag gestern unbeschaden überstanden?“ Ich wusste nicht, ob das ein Scherz sein sollte. „Ja, das kann man so sagen“, antwortete ich zunächst einmal. Dann legte ich eine kurze Pause ein, blickte Marcel tief in die Augen und sagte: „Boris ist tot.“

Marcel fiel aus allen Wolken. „Ach du scheiße. Du verarschst mich doch?“ Ich schüttelte den Kopf, woraufhin er aus seinem Sessel aufstand, sich von mir wegdrehte und zur Fensterfront ging. In seiner linken Hand hielt er zittrig seine Zigarette – Asche fiel auf den Fußboden -, mit seiner rechten Hand rieb er sich über die Stirn. Einen Augenblick später drehte er sich mir wieder zu und fragte mit dünner Stimme: „Er ist bei dem Anschlag gestorben, oder was?“ Wieder schüttelte ich den Kopf. „Nein“, sagte ich, „er hat sich umgebracht.“ Ich musste selbst kurz schlucken, ergänzte dann aber doch noch, dass er sich in unserem Hotel das Leben genommen hatte.

Marcels Reaktion war nichts weiter als langes und gequältes: „Fuck.“ Und doch glaubte ich zu spüren, dass ihn meine Worte irgendwie erleichtert hatten. Er setzte sich mir wieder gegenüber an den Schreibtisch und zog kräftig an seiner Zigarette, ehe er sie – nun mit ruhigerer Hand – abaschte. „Wieso hat er das getan?“, fragte mich Marcel. „Deswegen bin ich zu dir gekommen. Ich hatte gehofft, dass Du irgendwas weißt?“ Dies war aber offenbar nicht der Fall. Marcel schwieg. Und so saßen wir eine zeitlang einfach nur stumm da. Marcel starrte ins Leere. „Was war nur los mit ihm?“, überlegte ich. Er verhielt sich so komisch. Einen Moment lang dachte ich wirklich daran, dass er etwas mit dem Anschlag gestern im Regierungsviertel zu tun hatte. Als Herausgeber seines Magazins machte er nie einen Hehl daraus, mit den Neuen zu sympathisieren. Aber bei dem Anschlag mit drin zu stecken? Das wäre heftig.

Marcel unterbrach meine Gedanken: „Hast Du gehört, was in London los war?“ Er gab sich selbst eine Antwort. Denn ohne eine Reaktion von mir abzuwarten, redete er einfach weiter. Wahrscheinlich wusste er, dass ich mir nichts mehr aus Zeitungen und den Nachrichten im Fernsehen machte…  „Die Regierung ist die letzten Tage massiv gegen unsere Leute dort vorgegangen.“ - „Unsere Leute?“, unterbrach ich ihn. „Wie auch immer, Florian, hör mir zu!“ Er fuchtelte wild mit seinen Händen herum. „Die machen da kurzen Prozess. Die sind mit Panzern in Demonstrationen reingedonnert, mann.“ Marcel redete sich richtig in Rage. „Zig Menschen sind ums Leben gekommen. Zu Tausenden haben sie unsere Leute in Lkw abtransportiert. Friedliche Demonstranten! Kannst Du Dir das vorstellen?“ Jetzt übertrieb er ein bisschen, dachte ich, blieb aber ruhig. „Das war ein gezielter Angriff, verstehst Du?“ - „Deswegen der Anschlag gestern auf’s Regierungsviertel?“, fragte ich herausfordernd. Entsetzt starrte mich Marcel an – oder war er erschrocken? „Was redest Du für einen Scheiß?“

Er hatte Recht und eigentlich interessierte es mich auch nicht, was in London oder sonstwo auf der Welt gerade passiert war oder nicht. Mich interessierte was Boris zum Selbstmord trieb. Und wieder musste ich an die Frau denken. „Sie ist der Schlüssel“, geisterte es in meinem Kopf herum. Plötzlich riss mich etwas aus meinen Gedanken. Marcel hatte wieder irgendetwas gesagt. Ich hatte es aber nicht verstanden. „Was hast du gesagt?“, fragte ich deshalb. „Ich habe einen Auftrag für Dich“, sagte er langsam in ruhigem aber bestimmten Ton. „Hast Du Interesse?“

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Erstes Buch. Siebtes Kapitel. Nackter Stein

Ich brauchte eine Weile, bis ich wieder bei Sinnen war. Ich schätzte, dass ich mindestens eine Stunde lang auf der Bank an der Straßenbahnhaltestelle verharrte. Ich saß einfach da, bis ich irgendwann die Kraft und den Mut besaß nachzudenken… Alles mögliche schwirrte mir durch den Kopf. Der Tod von Boris, der Anschlag von gestern, die Sirenen, die ich einfach nicht mehr aus dem Kopf bekam. Doch irgendwann – fast unmerklich – stellte ich fest, dass meine Gedanken nur noch um die Frau kreisten, von der ich glaubte, sie eben in dem Auto gesehen zu haben. Wie kam die schöne Unbekannte gestern ins Hotel? Was hatte sie dort zu suchen? Soweit ich wusste, war sie kein Gast des Hotels. Ich erinnerte mich, wie sie meinen Arm griff und mir tief in die Augen sah. Schon bei dem Gedanken daran fühlte ich mich sicher und geborgen. Ich schmunzelte.

Wer war sie? Um dies herauszufinden, nahm ich mir fest vor, bei meiner Rückkehr ins Hotel an der Rezeption mal möglichst unauffällig nachzufragen, ob man sie dort nicht doch kannte. Vielleicht wussten die ja etwas. Denn je mehr ich darüber nachdachte, was gestern und heute geschehen war, desto fester glaubte ich daran, dass sie der Schlüssel war. Sie konnte mir helfen, davon war ich überzeugt. Nur musste ich sie dazu erst einmal finden…

Da mir auf die Schnelle nichts einfiel, wo ich hätte nach ihr suchen sollen, entschied ich mich, zunächst doch zu Marcel zu gehen, wie ich es mir vorgenommen hatte. Ich raffte mich also von der Bank auf - noch etwas wacklig auf den Beinen, aber das legte sich. Ich schaute wieder zu der Straßenkreuzung, wo die Frau vorhin mit ihrem Auto entlang fuhr. Doch wie ich vermutet hatte, sah ich weder sie noch ihr kleines schwarzes Auto.

Es war gar nicht mehr weit zum Verlagshaus, wie sich herausstellen sollte. Nach nur fünf, höchstens zehn Minuten war ich dort. Zeit genug, um eine Zigarette zu rauchen. Am Verlagshaus angekommen, betrat ich eine riesige Halle. Der Boden, die Wände, selbst die Decke waren vollständig aus grauem, kahlen Stein. Kein Fenster – nichts. Nur an der Decke, die nach meiner Einschätzung mindestens zehn Meter hoch sein musste, waren mehrere Scheinwerfer angebracht, die die komplette Halle ausleuchteten. Sie waren so hell, dass ich die Augen zukniff, als ich hoch schaute. Auf der gegenüberliegenden Seite des Eingangs – ganz am Ende des Raumes – konnte ich ein Empfangspult erkennen und dahinter eine junge Frau erahnen. Langsam lief ich Schritt für Schritt auf sie zu. Meine Tritte hallten auf dem nackten Stein.

Je näher ich kam, desto schärfer wurde das Bild der Frau. Sie hatte lange dunkle Haare, ein schmales Gesicht aber relativ große Augen. Sie trug einen schwarzen Hosenanzug – das vermutete ich zumindest, denn ich sah nur ihren Oberkörper über das Pult hinausragen. Jetzt wo ich ihr näher kam, stellte ich fest, dass sie relativ groß sein musste. Sie musterte mich. Und da bemerkte ich, wie komplett fehl am Platz ich ihr eigentlich vorkommen musste. Mein Hemd war total dreckig und der linke Ärmel vom Sturz zerrissen. Mein Hand war aufgeschürft und blutig. Auch die Hose hatte etwas abgekriegt. „Ein bisschen Schwund ist immer“, dachte ich gleichgültig.

Ich war am Empfangspult angekommen und blieb stehen. Die Frau hatte – ohne mit der Wimper zu zucken – ihren Blick nicht von mir genommen. Sie blickte mir tief in die Augen, wie auch ich nicht von ihr ablass. Ich räusperte mich. Und plötzlich – wie von Geisterhand – verwandelte sich ihre starre Mine in ein breites und viel zu übertriebenes Lächeln. „Was kann ich für Sie tun, Florian?“ Ich war verwirrt und merkte, wie meine Stirn auf einmal in Falten lag und sich meine Augenbrauen zusammenzogen. „Woher kennt die denn bitte meinen Vornamen“, dachte ich, hörte mich aber stattdessen sagen: „Wie bitte?“ „Was kann ich für Sie tun, Florian?“, seuselte es mir erneut entgegen. „Ich würde gerne mit Marcel, äh, mit Herrn Feisthammel sprechen“, entgegnete ich nun bestimmt. Daraufhin sagte sie: „Einen kleinen Augenblick bitte.“ Sie wandte ihren Blick von mir ab und mit einem Mal war auch ihr Lächeln wie weg geblasen. Sie griff nach einem Telefonhörer und hielt ihn sich an ihr rechtes Ohr. Mit der linken Hand drückte sie eine Taste am Apparat. Sie blickte kurz zu mir und dann ins Nichts.

„Herr Feisthammel? Florian ist hier. Er möchte mit Ihnen sprechen.“ Sie machte eine kurze Pause. „Gut. Ich sag es ihm.“ Sie legte den Hörer auf und schaute mich wieder mit ihrem breitesten Grinsen an, ohne aber auch nur den Hauch eines Anscheines zu erwecken, sie wolle mir irgendetwas mitteilen. „Und?“, fragte ich schließlich leicht genervt. „Sie können zu ihm. Er erwartet Sie in seinem Büro. Nehmen Sie am besten den Fahrstuhl. Sie müssen in den zwölften Stock.“ Ich schaute mich ratlos um.  Ich hatte keinen Fahrstuhl – geschweigedenn auch nur eine Tür – entdecken können, als ich hier herein spazierte. Hier war doch alles aus Stein. Doch dann  - ich hörte gerade noch ein glasklares „ding“ - da öffnete sich tatsächlich an der Wand links von mir wie aus dem Nichts eine Fahrstuhltür. Verwundert blickte ich zu der Frau am Empfang, die mich weiterhin ungebrochen angrinste. „Bis später, Florian“, sagte sie. „Ähm, ja, danke, bis später“, entgegnete ich ihr daraufhin.

Ich wandte mich von ihr ab und lief langsam in Richtung Fahrstuhl. Wieder hallte jeder meiner Schritte in dem großen, steinernen Empfangsbereich. Ich erreichte den Fahrstuhl und drehte mich einmal um meine eigene Achse. Ich drückte die Taste für den zwöflten Stock und noch bevor sich die Türen schlossen, schaute ich ein letztes Mal zu der Frau, die sich mittlerweile ihrem Pult widmete. „Komisch“, dachte ich. Dann schlossen sich die Türen des Fahrstuhls und ich spürte, wie er mich zügig nach oben beförderte.

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Erstes Buch. Sechstes Kapitel. Geisterfahrt

Das ist sie doch“, dachte ich. Ich war gerade unterwegs zu Marcel Feisthammel, dem Verleger der Zeitschrift „Die Wende“. Ich wollte mit ihm über den Tod von Boris sprechen. Nachdem ich aus dem Hotel kam, überlegte ich, ob ich mit der S-Bahn zu seinem Büro fahren sollte. Ich entschied mich aber dorthin zu laufen. Der Fußmarsch tat mir gut. Es war ein herrlicher Tag, ich war wohl gestimmt. Es war angenehm warm, im Vergleich zu Regentagen zuvor. Völlig in Gedanken lief einfach darauf los. Ich wusste genau, wo ich hinmusste. Und so lief ich wie ferngesteuert die Straßen entlang ohne dabei exakt bestimmen zu können, wo ich genau war.

Dann aber traf es mich wie ein Schlag. „Das muss sie sein.“ Ich war dabei eine breite Straße zu überqueren, in deren Mitte Straßenbahnschienen verliefen. Ich schaute nach rechts um zu sehen, ob von dort Autos kamen, da sah ich sie. Sie saß in einem Auto und wollte gerade aus einer Seitenstraße schräg rechts von mir auf die Hauptstraße einfahren. Ich blieb auf der Stelle stehen. Starrte sie an. Ich hatte schon fast geglaubt, dass ich sie mir im lichtdurchfluteten Treppenhaus des Hotels nur erträumt hatte, kurz nachdem mein Freund in der kleinen Kapelle gestorben war. Ich glaubte, dass sie nur eine Einbildung, eine Halluzination gewesen war, ein übler Streich meiner Sinne oder meines Verstandes.

Ich bemerkte, wie auch sie mich anschaute. Mir schien es fast so, als ob auch sie starr war. Ich sah aus dem Augenwinkel keine Autos heranfahren. Sie hätte schon längst auf die Hauptstraße einbiegen können. Eine Weile noch blickten wir uns gedankenverloren gegenseitig an. Sie sah in ihrem kleinen, schwarzen Auto älter aus, als ich sie in Erinnerung hatte. Aber sie war bezaubernd. Dann riss mich ein schrilles Bimmeln aus diesem Zauber. Plötzlich sah ich eine Straßenbahn auf mich zu rasen. Reflexartig machte ich ein, zwei Schritte zurück, verlor dabei das Gleichgewicht und stürzte auf den kalten Asphalt.

Als ich wieder zu mir kam, stand eine kleine Traube von Menschen um mich herum. „Er muss in ein Krankenhaus“, hörte ich eine männliche Stimme sagen. „Ruf doch mal einer nen Arzt“, rief jemand anders. „Da, er kommt zu sich…“ Ich lag auf der Straßenbahntrasse, keinen Meter von den Schienen entfernt, auf denen gerade die Bahn angerauscht kam. Sie schien mich nur knapp verfehlt zu haben.

„Det nächste Mal passen se en bisschen besser uff“, blägte mich ein Mann in Uniform an. „Sie ham mir vielleicht enen Schreck eingejacht“, fuhr er fort. Es muss wohl der Fahrer gewesen sein. Doch das war mir egal. Ich versuchte aufzustehen. Noch etwas wacklig auf den Beinen schob ich die Leute leicht zur Seite, um sehen zu können, ob –. Aber sie war weg. Ich schaute mich panisch um, aber nirgends war etwas von ihr sehen. Das kleine, schwarze Auto, hoffte ich. Nein, auch das war weg. Jetzt spürte ich, wie mein Kopf höllisch schmerzte. Mir wurde leicht schwarz vor Augen. Ein Schwindelgefühl überfiel mich. Ich musste mich irgendwo festhalten. Es schien fast so, als ob mir jemand den Boden unter Füßen weg zog. „Kommen Sie erst mal. Setzen Sie sich hin“, hörte ich eine Frauenstimme sagen. War sie das? Nein. Leicht verschwommen und eigentlich nur ihre Umrisse erahnend, sah eine ältere Dame vor mir. Ich spürte, wie ihre Hand meinen Unterarm griff. „Sie sehen ja ganz blass aus, als hätten sie ein Gespenst gesehen.“ Ein Gespenst? Bitte nicht! Nicht schon wieder. Ich hatte sie doch gesehen. Ganz sicher. So etwas bildet man sich doch nicht ein. Und doch: Ich hatte sie verloren.

Die ältere Dame führte mich zu einer Bank an der Straßenbahnhaltestelle, gar nicht weit von dem Ort, an dem ich gefallen war. „Setzen Sie sich erst mal hin“, sagte sie in einem bestimmenden, aber nicht unfreundlichen Ton. Ich tat, wie sie mir befahl.

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Erstes Buch. Fünftes Kapitel. Raus

Frisch geduscht packte ich meine Fototasche. Seit ein paar Monaten arbeite ich nämlich als Fotograf. Zwar stehen meine Bilder immer häufiger in Kontexten, mit denen ich mich nicht so recht anfreunden mag, “aber die Bilder lügen nicht”, sage ich mir wann immer nötig, um mein Gewissen zu beruhigen. Als freier Autor verhält sich das schon etwas anders. Entweder man schreibt die Zeilen so, wie sie vom Auftraggeber gewünscht werden, oder man kann den Text vergessen – und mit ihm das Honorar. Doch von irgendwas muss man ja leben. Und bevor ich entweder von den Neuen oder Alten vollkommen vereinnahmt werde, entschied ich mich, das Schreiben aufzugeben und Fotos zu machen. Kein großes Ding, wenn man bedenkt, welcher Schund heute in den Zeitungen gedruckt wird. Im Großen und Ganzen kann ich mich über die Arbeit nicht beschweren.

Ich packte also meine Fototasche. Ich hatte beschlossen, raus zu gehen. Wohin? Das wusste ich noch nicht so genau. Hauptsache nach draußen. Unter der Dusche hatte ich überlegt, ob ich Marcel ein Besuch abstatten würde. Er ist Verleger des Magazins “Die Wende” und hat mir vor kurzem den Auftrag in Belgrad verschafft. Er kannte Boris auch ein bisschen, vielleicht wusste er, was mit ihm los gewesen sein könnte. Außerdem hatte Marcel recht gute Kontakte in die Kreise der Neuen. Ich brauchte irgendeine Spur, wieso Boris sich umgebracht hatte. Marcel war der einzige, der mir eventuell helfen konnte. “Gut”, dachte ich, “dann gehe ich zu ihm.”

Ich lief zur Zimmertür, nahm das Plastikkärtchen aus dem dafür vorgesehen Apparat heraus, steckte es in meine Tasche und öffnete die Tür. Ich trat einen Schritt vor in den schwach beleuchteten Flur und blickte mich um. Ich stellte nichts außergewöhnliches fest, außer dass der rote Teppich ungemein hässlich war. Plötzlich ein Schlag. Alle meine Sinne versetzten sich in Alarmbereitschaft. Auf einmal war ich hellwach. Dann aber bemerkte ich, dass nur die Tür hinter mir zugefallen war. Das Fenster stand noch auf, dachte ich. Egal.

Ich atmete tief durch. Nachdem sich mein Puls wieder halbwegs beruhigt hatte, ging ich zum Fahrstuhl. Im Flur herrschte eine gespenstige Ruhe. Nur das leise Hauchen der Lüftung war zu hören. Ich gelangte an den Fahrstuhl, drückte den Knopf und wartete eine Weile bis er kam und sich vor mir seine Türen öffneten. Ich trat hinein, drückte wieder einen Kopf, der mich ins Erdgeschoss bringen sollte und drehte mich um. Die Türen schlossen sich. Kurze Zeit später machte es “bing” und die beiden Türen öffneten sich wieder.

Im Erdgeschoss herrschte geschäftiges Treiben. Der Eingangsbereich des Hotels war unglaublich hell, was mich erstaunte, denn eigentlich konnte natürliches Licht nur von der gläsernen Hausfront hinein gelangen. Möglicherweise lag es aber auch daran, dass das Foyer ziemlich hoch war, bestimmt sechs, sieben Meter, schätzte ich. Meine Augen benötigten eine kurze Zeit, bis sie sich an die Lichtverhältnisse gewöhnten. Dann merkte ich, dass hier im Foyer unglaublich viele Leute herum wuselten. Es war laut. Ein diffuses Stimmenwirrwarr drang an meine Ohren. Zielgerichteten Schrittes steuerte ich auf die Rezeption zu.

“Guten Tag, Herr Niestedt. Wie geht es Ihnen?” fragte mich eine uniformierte junge Frau mit einem runden Gesicht und langen dunklen Haaren von der anderen Seite des Empfangsbereichs. Ich schaute sie ungläubig an. “Wie spät ist es eigentlich”, fragte ich sie. “Äh”, sie blickte kurz auf einen Monitor hinab, bevor sie mir etwas verdutzt “gleich halb zwei” entgegnete. “Danke”, sagte ich, darum bemüht freundlich zu klingen, wobei mir noch im gleichen Moment klar wurde, dass mir das nicht wirklich gelungen war. Schließlich legte ich ihr mein Zimmerkärtchen auf das Empfangspult, wandte mich von ihr ab und ging auf einmal gut gelaunt aus dem Hotel.

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Erstes Buch. Viertes Kapitel. Wer ich bin

Ich bin ein Schicksal. Mein Schicksal ist die Suche. Ich bin ein Suchender, gefangen in einem undurchdringlichen Labyrinth. Ich bin ein Gefangener in meinem eigenen Albtraum…

Es ist dunkel. Nur der Mond spendet etwas Licht, wenn er es schafft, sich durch die Wolken zu kämpfen. Zu meinem Entsetzen stelle ich fest, dass ich mich tatsächlich in einem Labyrinth befinde. Egal wo ich hinsehe, überall meterhohe Hecken. Wo ist der Ausgang? Wo ist der verfluchte Ausgang? Ich muss hier raus, denke ich. Ich spüre, wie Panik in mir hochkocht. Ich muss jetzt hier raus. Die Wände kommen näher. Ich renne. Aber egal wohin ich laufe, komme ich von der einen Sackgasse zur nächsten. Finde den Ausgang, höre ich eine leise Stimme sagen. Finde den Ausgang… Finde das Ende. Ich höre Sirenen. Finde das Ende…

Ich hörte Sirenen und schreckte auf. Ich musste eingeschlafen sein. Ich fand mich auf dem Bett in meinem Hotelzimmer liegen. Ich bemerkte, dass das Fenster offen stand. Lautes Sirenengeheul drang in mein Zimmer. Ich kniff die Augen fest zu. Draußen musste eine nicht enden wollende Kolonne von Krankenwägen vorbei brausen. Unweigerlich fragte ich mich, was nun wieder geschehen war? Ich überlegte sogar, den Fernseher einzuschalten. Vielleicht brachte ja irgendein Sender etwas darüber? Diesen Gedanken verwarf ich aber schnell wieder. Das Problem ist nämlich, dass es heute keine wirklich unabhängige Medienberichterstattung mehr gibt. Egal ob Radio oder Fernsehen, selbst die Tageszeitungen und Wochenmagazine stehen ganz offen und für jedermann zu erkennen auf einer der beiden Seiten: Entweder haben die Alten ihre Finger drin oder die Unternehmen sympathisieren mit den Neuen. Eigentlich gibt es kaum noch etwas dazwischen. Zumal die vielen kleinen Medienunternehmen, die es ja in Deutschland gab, Pleite gegangen sind oder von den Großen geschluckt wurden – was am Ende keinen großen Unterschied machte. Als ich die Journalistenschule besuchte, war das alles noch ganz anders. Aber das war jetzt auch schon fast zehn Jahre her, wie mir bewusst wurde. Seitdem hatte sich viel getan.

Doch statt mir weiter den Kopf über die Vergangenheit zu zerbrechen, beschloss ich, mir eine Zigarette zu drehen. Mein Tabakzeug lag noch auf dem Schreibtisch, wie ich feststellte. Ich stand also vom Bett auf und rollte mir eine. Als ich das erste Mal an der Zigarette zog, musste ich kräftig husten. Es machte mir nichts aus. Nachdem ich mich wieder eingekriegt hatte, schaute ich mich in meinem Zimmer um. Es war nicht besonders groß, ein typisches Hotelzimmer, dachte ich. Ein Bett, ein Schreibtisch samt Fernseher, ein großer leerer Schrank. Ich war bis jetzt noch nicht dazu gekommen, meinen Koffer auszupacken. Aufgerissen stand er in der einen Ecke des Zimmers. Erst vor drei Tagen war ich mit Boris aus Belgrad nach Berlin gekommen. Ich hatte dort einen Auftrag zu erledigen und Boris war so nett, mich zu begleiten. Er kam ursprünglich daher und konnte fließend serbisch sprechen – im Gegensatz zu mir. Dann wurde mir aber schlagartig bewusst, dass Boris ja gar nicht lebte…

Mir kam es vor, als wenn plötzlich ein kalter Windzug durch mein Zimmer streifte. Ich bekam Gänsehaut. Was hat ihn nur dazu gebracht, sich gestern umzubringen? Ich hatte nicht den blassesten Schimmer. Er war gut drauf die letzten Tage, dachte ich. Der Abstecher in seine Heimat schien ihm richtig gut zu tun. Zumindest glaubte ich das. Auch als wir uns mit seinen Eltern getroffen hatten, war eigentlich alles wie immer. Ich setzte mich auf den Stuhl am Schreibtisch, rauchte weiter meine Zigarette und schloss die Augen, um mich besser konzentrieren zu können.

Wie von selbst rissen sie sich plötzlich wieder auf. Ich musste heraus finden, was geschehen war. Das war ich seinen Eltern schuldig. Ich drückte die Zigarette im Aschenbecher auf dem Schreibtisch kräftig aus. Duschen wäre gut, dachte ich. Also stand ich auf, ging zu meinem Koffer und nahm mir frische Unterwäsche, eine Hose und ein Hemd heraus. Ich ging ins Bad, zog mich aus und stellte mich unter die Dusche. Ich schloss die Augen, reckte meinen Kopf nach oben. Ich bin ein Schicksal, schoss es mir durch den Kopf. Mein Schicksal ist die Suche.

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Erstes Buch. Drittes Kapitel. Die Geschichte der Gegenwart

Da war sie also wieder. Diese Frau, die mir so seltsam vertraut schien. Die Erinnerung an das, was gestern geschah, war damit wieder urplötzlich verdammt nah. Doch der Appetit war mir mittlerweile vergangen. Stattdessen spürte ich, wie sich mein Magen zusammenzog, der wie ein prall gefüllter Luftballon wegen eines kleinen Loches langsam in sich zusammenfällt bis schließlich nur ein verschrumpeltes, kleines Etwas zurück bleibt. Ich beschloss mich wieder ins Bett zu legen.

Als ich in dem gar nicht mal so unbequemen Hotelbett reglos meine Wunden leckte, dachte ich darüber nach, wie ich überhaupt hierher gekommen war. Ich überlegte, wie dieser Krieg eigentlich anfing. Ein Krieg, der heute so gut wie in ganz Europa wütet und sogar bis nach Afrika und Asien reicht. Ein Krieg, der anders ist als die Kriege zuvor. Es ist nämlich kein Krieg der Völker oder der Systeme, es ist ein Krieg der Klassen. Der internationale Terrorismus – Al Qaida und Konsorten -, von dem wir noch vor Jahren glaubten, er würde die Welt entzweien, war nicht die große Gefahr, die wir alle darin sahen. Die Gefahr sind die Menschen. Der Terror kommt heute aus den eigenen Reihen. Es ist Bürgerkrieg und zwar überall in Europa.

Vor Jahrzehnten hätten vermutlich die Amerikaner noch die Rolle des Weltpolizisten eingenommen, aber die hatten kein Geld, um in diesen Konflikt eingreifen zu können und noch dazu genug eigene Probleme. Die fingen im Grunde schon 2001 an, mit dem Anschlag auf das Welthandelszentrum in New York und den darauf folgenden Kriegen in Afghanistan und im Irak, die Milliarden Dollar verschlungen haben und die rückblickend irgendwie auch für den Verfall Europas von großer Bedeutung waren. “Amerika ging schon lange am Stock”, dachte ich. Das Land hat sich von der Bankenkrise 2009 nie ganz erholt. Deshalb war es auch für uns ausländische Beobachter nicht weiter verwunderlich, dass die Amis Anfang des Jahres, als der ganze Scheiß hier begann zu eskalieren, nichts unternahmen. Wie auch? Dort herrscht auch Massenarbeitslosigkeit. Wenn die nicht aufpassen, könnten da bald die gleichen Zustände herrschen wie hier.

Als sich 2009 die Bankenkrise in Amerika zu einer weltweiten Wirtschaftskrise ausweitete, ahnte noch keiner, welche Folgen das haben würde. Woher auch? Zunächst schien man ja gerade in Europa ganz gut damit fertig zu werden. Doch der Schein trügte. Unzählige Milliarden Euro wurden bereitgestellt, um die Stabilität der EU zu gewährleisten. Zwecklos, wie wir heute wissen. Denn was nutzt eine stabile Union dem Einzelnen? Was nutzt es Einem, der keine Arbeit hat, der Hungern muss? Irgendwann fiel das ganze Kartenhaus in sich zusammen. Massenarbeitslosigkeit, Elend, Armut, Hunger befielen zwar beileibe nicht alle Menschen, aber viele. Als dann im Herbst 2013, gut zwei Jahre ist das jetzt her, bei der Wahl zum Deutschen Bundestag keine handlungsfähige Regierung zustande kam, fingen genau diese Leute an, sich zu organisieren. Zunächst in Berlin und dann in anderen Städten der Republik. Sie hatten genug. Immer wieder kam es zu Neuwahlen, die aber alle ergebnislos blieben. Es fand sich einfach keine regierungsfähige Mehrheit. Stattdessen verbrannten aberwitzige Wahlkämpfe Millionen an Euro. Die Parteien waren zerstritten und auf der Straße tobte der Mob. Wut kann ungeahnte Energien freisetzen. Das wissen jetzt auch die „Alten“.

Heute gibt es nämlich eigentlich nur noch die Alten und die Neuen. Die Alten, dass sind die, die sich immer noch hartnäckig an die Macht klammern, Politiker, Großindustrielle, Global Player.  Und die Neuen? Zu Beginn waren das noch Linke, Autonome und andere gleichsam erlebnisorientierte wie gelangweilte Leute, die einfach gerne mal auf den Putz hauten. Mit der Zeit aber bekamen sie immer stärkeren Zulauf von Leuten aus ehemals bürgerlichen Kreisen, die als Folge der Krise ihren Job verloren hatten. Faktisch haben wir heute über zehn Millionen Arbeitslose. Kein Wunder, dass das Netz sozialer Absicherung kollabierte. Und so haben die Leute nichts mehr zu verlieren. Sie sind frustriert und wütend und das macht sie so gefährlich.

Deshalb brennen heute jeden Tag Autos. Jeden Tag fliegen Steine. Und das ist noch harmlos. Der Anschlag im Hotel gestern und der Mord auf offener Straße an dem alten Mann, der bestimmt noch keine Viertelstunde her war, machten mir das einmal mehr klar. Täglich explodieren Sprengsätze in Hamburg, Frankfurt, Stuttgart oder aber eben in Berlin wie gestern Abend. Die Polizei? Die ist weitestgehend ausgeschaltet oder sogar aufseiten der Neuen. Nur das Militär hält noch zu den Alten, aber, wie man hört, soll das Geld langsam knapp werden und man fragt sich, wie lange es sich noch solidarisch zu ihnen verhält. Zumal viele Fabriken der Alten und damit auch wesentliche Teile der Rüstungsindustrie lahm gelegt oder zerstört worden sind.

Das größte Problem der Alten aber war, dass sich die Eskalation nicht auf Deutschland beschränkte. In Griechenland zum Beispiel brodelte es seit der Staatspleite schon lange. Und auch in Portugal und Spanien hat es nicht gebraucht, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Unterstützung und Solidarität wurden den Aufständischen auch aus Italien und Frankreich zu Teil, wo sich so manch streikerprobter Arbeitskämpfer angesichts der brutalen Ereignisse im Nachbarland verwundert die Augen rieb. Auch in einigen Ostblock-Staaten formierten sich Gruppen, die ähnliche Ziele verfolgten wie ihre westeuropäischen Kollegen. Selbst in nordafrikanische Staaten, wo vor einigen Jahren die unterschiedlichen Revolutionen im Sande verlaufen waren, witterten vor allem die Jungen und Enttäuschten wieder Morgenluft. Es war wie die Initialzündung für ein gigantisches Feuerwerk. 1. Januar, 0 Uhr, überall knallts. Natürlich auch dank tatkräftiger Unterstützung militanter Araber, die ihre “europäischen Freunde” brüderlich mit Geld und Waffen versorgten. Gelebte Demokratie hatten sich die Alten bestimmt anders vorgestellt.

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Erstes Buch. Zweites Kapitel. Frühstück

Als ich am nächsten Morgen in meinem Hotelzimmer aufwachte, war das Gefühl von dieser unendlichen Einsamkeit, das mich tags zuvor so plötzlich überkam, als ich das Treppenhaus hinaufblickte, das Letzte woran ich mich erinnerte. Ich spürte, dass es eine unruhige Nacht gewesen sein musste. Meine Muskeln schmerzten am ganzen Körper. Die Luft kam mir stickig und kalt vor und irgendwo spukte auch noch ein böser Traum in meiner Gedankenwelt herum. Ich beschloss unwillkürlich, ihn mit einer Zigarette zu vertreiben. Mein Tabak lag unweit vom Bett auf dem Boden, wie ich feststellte. „Irgendwo müssen doch auch die Blättchen sein“, dachte ich. Als ich sie auf dem kleinen Schreibtisch unweit des Bettes sah, raffte ich mich unter Schmerzen also doch auf und drehte mir die Zigarette. Ich zündete sie an und stieß nach einem langen Zug den Rauch aus Nase und Mund heraus.

Ich trat ans Fenster, öffnete es und schaute hinaus. Es war ein schöner Morgen. Die Luft war angenehm warm und zugleich lag etwas frisches in ihr. Der Himmel zeigte sich in einem beruhigenden hellblauen Ton, nur vereinzelt nahm ich einige Wolken wahr, die wie kleine, zersprenkelt weiße Wattebäuschchen durch das Firmament streiften. Die Sonne versteckte sich hinter einem der Hochhäuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite, aber das war egal. Als ich so am Fenster stand und genüsslich an meiner Zigarette zog, bekam ich sogar ein wenig Hunger. Ich dachte an noch leicht warme Brötchen, frische Marmelade und den Duft von kürzlich aufgegossenem Kaffee.

Dann ein Knall – ein Schuss? Ich erschrak. Was es auch war, es riss mich mit einer ungeheuren Gewalt aus meinen Gedanken und ich glaubte zu spüren, dass mich etwas aus dem Fenster zerren wollte. Unweit des Hotels, vielleicht 50 oder 100 Meter rechter Hand davon entfernt, sah ich dann, wie ein alter Mann an einer Straßenkreuzung in sich zusammensackte. Seine rechte Hand drückte er gegen den Bauch. Blut überzog seine Finger und wenig später lief es am Handgelenk weiter entlang des Armes. Er fiel mit dem Rücken auf den harten, trockenen Asphalt und blieb reglos liegen, während sich sein weißes Hemd in ein dunkles Rot einfärbte.

Leute schrieen und liefen wild durcheinander. Ich bemerkte eine Frau, die eilig einen Kinderwagen vor sich her schob. Sie blickte einen kurzen Augenblick zurück zu der Kreuzung, wo der alte Mann liegen blieb und von wo sie scheinbar gerade gekommen war. Ihre Schritte wurden plötzlich hastiger. Obwohl ich vom 5. Stock aus auf sie herabschaute, glaubte ich, Tränen in ihren Augen erkennen zu können. Ihr Gesichtsausdruck war voller Angst und Verzweiflung. Dann verschwand sie linker Hand des Hotels an der nächsten Straßenecke. Und mir wurde sofort klar, dass ich diese Frau mit dem Kinderwagen nicht mehr wiedersehen werde. Doch das machte mir nichts aus.

Ich drehte meinen Kopf wieder nach rechts. Immer noch liefen die Menschen, von Panik gepackt, wild durcheinander. Einige telefonierten, andere schauten schockiert auf den Mann, der nun in seiner eigenen Blutlache lag. Jeweils links und rechts knieten zwei Männer um ihn, offensichtlich in der Absicht, Erste Hilfe leisten zu wollen. Der Mann rechts hielt, so glaubte ich zu sehen, zwei Finger an den Hals des alten Mannes und schaute dabei seinem Gegenüber tief in die Augen. Dann zog er seine Hand zurück und schüttelte den Kopf. Die beiden stellten sich aufrecht hin. Der Mann, der versuchte den Puls des Toten zu fühlen, verschränkte die Arme hinter seinen Kopf und blickte geistesabwesend in die Höhe. Dann hörte ich von weitem Sirenen heulen. Ich zog ein letztes Mal an meiner Zigarette, worauf ich sie mit dem Zeigefinger meiner rechten Hand aus dem Fenster schnippte. Ich schaute dem kleinen glimmenden Stück Papier hinterher. Doch dann verlor ich es aus den Augen, „wie die Frau von gestern Abend“, dachte ich.

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Erstes Buch. Erstes Kapitel: Der Anfang und noch mehr

Fast wäre es passiert: Ich übersprang vier Stufen auf einmal und konnte es gerade noch so verhindern, zu stürzen. In Gedanken stellte ich mich schon darauf ein, böse mit dem rechten Fuß umzuknicken. Doch zu meiner Überraschung blieb der befürchtete Schmerz aus. Es dauerte eine kleinen Moment, bis sich meine Gedanken wieder geordnet hatten. Da sah ich plötzlich einen kleinen Jungen im Treppenhaus. Ich beobachtete, wie er vom Geländer hin zur Wand wankte, wo er erstmal kurz stehen blieb. Er begann zu würgen und zu husten und dann brach es aus ihm heraus. Er kotzte auf das rote Vlies, mit dem die Treppen überzogen waren. Ich hörte ihn schluchzen und wimmern, bekam aber sein Gesicht nicht zu sehen. Ich sah nur sein mittellanges schwarzes Haar.

Ich bemerkte, dass ich im fünften Stock angekommen war, wo auch mein Hotelzimmer lag. Vor mir tat sich ein dunkler, scheinbar schmaler werdender Gang auf und sofort vergaß ich den kleinen Jungen. Ich hielt kurz inne, denn ich benötigte einen Augenblick um mich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Dann, ganz am Ende des Ganges erkannte ich ein kleines Licht. Ein Fenster, eine Lichtquelle – ein Lichtblick? Dort musste ich hin, dachte ich. Und auch wenn ich nicht wusste wie, trugen mich meine Beine in die richtige Richtung. In kleinen Abständen waren jeweils links und rechts die Türen zu den einzelnen Zimmern. Auf meinem Weg bemerkte ich, dass einige Appartements offen standen. Die meisten waren leer, aber dann erkannt ich in einem Zimmer einen älteren Herren, der rastlos und panisch seine Habseligkeiten in einem schwarzen Koffer unterzubringen versuchte. Ich blieb kurz vor seiner Zimmertür stehen. Sein Kopf war seltsam auf die rechte Schulter geneigt, er schien zu telefonieren. Doch ich verstand kein Wort, von dem was er hektisch brabbelte. Verwirrt ging ich weiter.

Ich wollte gerade wieder starten, da merkte ich wie mein Kopf auf einmal anfing höllisch zu schmerzen, als würde er explodieren wollen. Mein Magen begann sich zusammen zu ziehen. Mir wurde speiübel. Schweißperlen drangen auf meine Stirn. Mir war kalt. Ich konnte nicht weiter, mich nicht mehr rühren. Ich war hin und her gerissen. Ich bekam keine Luft mehr und sackte schließlich erschöpft und zugleich völlig aufgebracht in mich zusammen. Das wars, dachte ich. Auf Knien stützte ich mich mit meinem linken Arm an der Wand ab und rang nach Atem. Und plötzlich wurde alles seltsam klar. Ich musste zurück. Ich musste zu der Frau zurück. Ich stand auf und drehte mich um. Ich hatte wieder dieses leichte Gefühl, als würde ich über den Flur schweben können. Noch konnte ich die obersten Stufen des Treppenhauses nicht sehen, wo ich dieser Frau vor wenigen Minuten in diesem gleißend hellen Licht begegnet bin. Wie von selbst lief ich einige Schritte in die Richtung, aus der ich gekommen war, vorbei an dem Zimmer, in dem ich eben noch den Mann sah. Die Tür stand immer noch offen, von dem Mann war allerdings nichts mehr zu sehen.

Ich kam im Treppenhaus an, der Junge war auch weg. Und schließlich blickte ich sehnsüchtig nach oben. Doch keine Spur von der Frau. Unsicher drehte ich mich um mich selbst, in der Hoffnung irgendwo einen Hinweis zu erhaschen, wo sie hingegangen sein könnte. Doch ich fand nichts. Mich überkam ein schreckliches Gefühl der Einsamkeit und mir dämmerte es langsam, dass mir also doch nur dieses kleine Licht am Ende des langen, dunklen Ganges blieb.

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Prolog

Ich war gerade in der Kapelle im obersten Stockwerk des Hotels, wo ich meinen besten Freund tot vorfand. Seltsamerweise hatte er sich bei einer Andacht aus dem Leben verabschiedet, ohne tschüss zu sagen. Ich hatte keine Ahnung, was ihn dazu trieb, sich unmittelbar nach dem Terroranschlag in der Stadt das Leben zu nehmen. Auf einmal merkte ich, dass ich eine kleine Jesus-Statue in meiner rechten Hand hielt. Alles lag im Unklaren aber mir kam es wie eine Selbstverständlichkeit vor.

Ich wollte hier raus. Ich stieß die Tür der Kapelle auf und sprang in das helle Treppenhaus. Mir kam es fast so vor, als wenn ich schweben würde. Ich stieß mich weit vom goldenen Geländer ab und überlegte, wie ich dieser vermaledeiten Geschichte ein Ende machen konnte. Plötzlich stand eine Frau vor mir. Ich warf die Jesus-Statue mit viel Schwung das großräumige Treppenhaus hinunter, denn ich wusste sie würde mit dem Ende dieser Geschichte nichts mehr zu tun haben. Ich blieb vor der jungen Frau stehen und sie schaute mir tief in die Augen. Sie fasste mich am Arm. Ihr Gesichtsausdruck verriet mir nicht das Geringste. Fast unbekümmert und sorglos sah sie aus und wunderschön. Ich versank in diesem Anblick und mich überkam ein mir nicht vertrautes Gefühl von Wärme. Möge dieser Augenblick der Stille und Vertrautheit doch ewig dauern, dachte ich.

Doch was ich dann zu ihr sagte, klang irgendwie ganz anders. Völlig unkontrolliert drangen die Worte aus mir heraus. „Es liegt nicht in deiner Macht“, sagte ich und glaubte dabei feststellen zu können, dass sie sich dadurch gekränkt fühlte. Etwas in ihr schien zu zerbersten. Ich glaubte, es sogar zu hören, aber vielleicht war dies auch nur der Aufprall der Statue im untersten Stock des Hotels, oder aber ein weiterer Terroranschlag im Zentrum der Stadt. Es war, wie wenn meine Worte gegen hauchdünnes Glas geschossen wären und es in winzig kleine Stückchen zersplitterte. Tausende Gedanken schossen mir durch Kopf, doch kein einziger ließ sich fassen.

Sie nahm ihre Hand von meinen Arm und drehte sich ein wenig von mir ab. Ich konnte nur erahnen, dass sie ins Nichts schaute, denn ihre blonden Haare verdeckten nun ihre Augen. „Was passiert hier“, fragte sie kurze Zeit später und ihre braunen Augen bohrten sich wieder in mein tiefstes Inneres. Ich wusste nicht, was ich hätte sagen sollen. Sie tat mir in diesem Moment so unendlich Leid. Sie hatte die Kontrolle verloren, über sich, ihre Kinder und die Geschichte und ich glaubte, sie war sich dessen ganz genau bewusst. Sie war hilflos. „Es tut mir Leid“, sagte ich und blickte einen kurzen Augenblick woanders hin. Als ich ihr Gesicht wieder vor Augen hatte, sah ich wie eine Träne ihre linke Wange hinab perlte. „Es tut mir Leid“, hörte ich mich sagen, war mir aber nicht sicher, ob ich diesen Satz tatsächlich ein zweites Mal laut aussprach. Dann verlief alles und wurde unscharf. Ich muss hier weg, dachte ich. Ich musste doch ein Ende suchen. Und so ließ ich sie alleine in dem lichtdurchfluteten Treppenhaus des Hotels zurück. Ich rannte in großen Schritten die Stufen hinab und fiel dabei fast über meine Beine.

Und dann bin ich aufgewacht. Die Sonne schien auf das Bett in meinem Zimmer. Der Himmel war in einem sanften, hellen blau gehalten. Mir wurde sofort klar, dass ich diese Frau nie mehr wiedersehen werde, aber diese Geschichte ohne sie kein Ende verdient hatte…

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Ankündigung und so

Liebe Leute,

morgen geht es los. Dann wird hier an dieser Stelle das erste Kapitel meines Buch-Blogs aufgeschlagen. Ich kann es kaum noch erwarten. Vorher möchte ich aber noch darauf hinweisen – keine Ahnung, ob das überhaupt notwendig ist -, dass mein “Buch” – sollte es denn irgendwann einmal fertig werden – ein Roman sein wird. Daher ist sein Inhalt vollkommen frei erfunden, genauso wie die dort beschrieben Personen und deren Handlungen. Sollte irgendein Leser dieses Blogs meinen, sich in meiner Geschichte wiederzuentdecken, fände ich das ziemlich krass, dennoch wäre es nichts als blanker Zufall. Zu guter Letzt ein Gruß an die weltweit operierenden Geheimdienste und den Verfassungsschutz: Es ist nur Fiktion.

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Wohin des Weges?

In den letzten Tagen war ziemlich viel los. Dabei habe ich mir auch mal Gedanken darüber gemacht, wie sich dieser Blog hier entwickeln soll und was ich damit überhaupt machen will. Da ich mich hauptberuflich als Journalist in Dresden bewege, wäre es natürlich naheliegend gewesen, dies auch in meinem Blog auszuleben – in welcher Form auch immer. Allerdings habe ich festgestellt (ein Blick in meinen Blogroll hätte dazu genügt), dass es schon eine ganze Menge Blogger gibt, die sich in all ihren unterschiedlichen journalistischen Facetten mit der Stadt und den Menschen hier befassen.

Also hatte ich die Idee, die Feder anderweitig zu führen. Mein Ziel soll sein, nach und nach an einem Buch zu schreiben. Ein bisschen was habe ich sogar schon zusammengetragen. All das hat nämlich vor gut zwei Jahren angefangen: Eines morgens bin ich aufgewacht und hatte einen so tollen Traum, der mich derart gefesselt hat, dass ich damals die Geschichte dieses Traumes sofort versucht habe aufzuschreiben. Den ganzen Tag und die ganzen nächsten Tage hat mich die Sache nicht mehr losgelassen. Immer wenn ich schlafen gegangen bin, habe ich gehofft, die Geschichte weiter träumen zu können. Aber irgendwann musste ich dann doch einsehen, dass das wohl nichts wird und ich selbst aktiv kreativ werden muss, wenn diese Geschichte “ein Ende finden sollte”, das sie meiner Meinung unbedingt verdient hat.

Den Anfang und das Ende habe ich bereits und auch schon ein bisschen was dazwischen. In den letzten Monaten bin ich aber nicht mehr dazu gekommen, an der Geschichte weiter zu arbeiten. Daher hoffe ich, dass ich mir durch diesen Blog selbst so eine Art positiven Druck auferlege, da ich in einem bestimmten zeitlichen Intervall neue Kapitel bloggen möchte. Momentan denke ich daran alle zwei Wochen für neue Lektüre zu sorgen. Sollte ich feststellen, dass zwei Wochen doch etwas zu ehrgeizig waren, muss ich mir eventuell noch mal Gedanken machen und lasse es euch natürlich umgehend wissen.

Also, in den nächsten Tagen werde ich das erste Kapitel meines Projektes aufschlagen. Natürlich freue ich mich dann über Kommentare, Anmerkungen, Lob und Kritik von eurer Seite. Spannend fände ich es natürlich auch, wenn ihr meine Geschichte vielleicht sogar selbst weiter spinnen würdet. Und um den Bogen zu meinem ersten Beitrag herzustellen: Werden wir doch einfach episch… Ein Versuch ist es allemal wert.

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Vergangenes

Eine Ode an das Leben

Es gibt Tage, an denen scheint die Sonne heller, der Himmel scheint blauer und die Wolken scheinen schöner zu sein. Es gibt Tage, an denen trägt Dich die Leichtigkeit des Seins über die Unebenheiten des Lebens hinweg. Es gibt Tage, an denen glaubst Du, fliegen zu können. Und dann gibt es die Tage, an denen Du genau weißt, dass Du es nicht kannst. An denen einfach nur die Sonne scheint, der Himmel blau ist und die Wolken einfach nur Wolken sind.

 

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Fundstücke

Geneigter Leser,

ich habe heute mal etwas in meinen alten Schreibbüchern gestöbert und dabei ist mir dieser – man kann schon gerechtfertigter Weise sagen – “Lumpen” in die Hände gekommen. Wenn mich nicht alles täuscht, müsste er schätzungsweise zu Zivi-Zeiten bekritzelt worden sein. Gut acht Jahre ist das Ding also alt (für sachdienliche Hinweise zur fachgerechten Archivierung wäre ich sehr dankbar…).

 

 

Besonderen Eindruck hat der folgende Satz heute auf mich gemacht: “Ich schreibe meine tiefsten Gedanken nicht deshalb auf, weil ich Angst habe, sie mit jemandem zu teilen, sondern weil ich sie an niemanden vergeuden will, der mich sowieso nicht versteht.” In diesem Sinne: Bald mehr…

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Willkommen

Heute ist es soweit. Ich schreibe meinen ersten Artikel für diesen, meinen ersten Blog. Ein Moment epischen Ausmaßes? Mit Sicherheit nicht. Episch ist ein großes Wort, dem ich hier gar nicht gerecht werden will. Aber der Spruch auf dem Foto hat trotzdem was. Ein Versuch ist es alle Mal wert. Deshalb auch mein Aufruf an meine Leser: “Leute werdet episch!!!” Und wenn’s doch nix wird, dann habt ihr es immerhin versucht. Die Schönheit des Scheiterns – eine Tragödie epischen Ausmaßes…

Übrigens bin ich richtig froh darüber, dieses Bild vor gut einer Woche geschossen zu haben. Denn heute komm ich wieder an dem Haus vorbei und was sehen meine müden Augen: Fleißige Handwerker sind gerade dabei die Fenster abzukleben und die Fassade neu zu überpinseln. Welch beispielhafte Tragödie…

Die Seite hier ist natürlich erst im Aufbau und wird hoffentlich immer weiter wachsen und gedeihen. Ich würde mich freuen, wenn ihr ab und an mal vorbeischaut. Es gibt bestimmt in naher Zukunft Neues zu berichten.

P.S.: Wenn du mehr über mich erfahren willst, verweise ich gerne auf die Seite Introducing, wo ich mich kurz vorstelle.

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